Superar - Das große Glück der Musik

Musik ist eine universelle Sprache. Sie verbindet Menschen, kann befähigen. Genau darauf zielt das Projekt Superar, das benachteiligten Kindern kostenlos professionellen Chor- und Musikunterricht ermöglicht. Das Wiener Projekt ist bereits in sechs europäischen Ländern aktiv. Seit 2023 ist auch München dabei. Nun sind 360 Münchner Kinder in der Isarphilharmonie aufgetreten – mit Unterstützung aus Wien und Salzburg.

Erschienen im Caritas-Magazin Sozialcourage 1/2025

Noch ist das Foyer der Isarphilharmonie fast leer. Im Café sitzen einige Menschen, die Gaderobierinnen sind schon da. Aus der offenen Tür zum Konzertsaal dringen Kinderstimmen. Auf der Bühne sitzen junge MusikerInnen, um sie herum und auf dem oberen Rang haben sich rund 360 Münchner Kinder und 130 Kinder aus Salzburg mit einigen Erwachsenen gruppiert.

Es ist 15:30 Uhr. Generalprobe. Die Kinder hippeln herum, lachen und reden durcheinander, kurz: es ist chaotisch und laut. Die Chorleiterin schaut sich um. Sie kennt das. Und weiß, was sie tun muss. Sie fängt an zu klatschen. Erst vereinzelt, dann immer mehr Kinder stimmen ein. Aus der Kakaphonie entsteht ein kraftvoller, wilder Rhythmus. Auf den roten T-Shirts der Chorkinder steht „Superar“. Das bedeutet: Grenzen überwinden, über sich hinauswachsen. Darum geht es bei Superar – mit Hilfe der Musik.

Wer mehr darüber erfahren will, muss Mehmet Ismail Birinci besuchen. Der Sozialwissenschaftler leitet Superar seit 2023 und hat sein Büro im Münchner Bahnhofsviertel an der Ecke Goethestraße, Landwehrstraße. Hier ist die Welt zu Hause. Die schallisolierten Fenster hält sie draußen. „Superar aktiviert das musikalische Potenzial der Kinder. Wir ermöglichen ihnen einen hochwertigen und kostenlosen Musikunterricht, den ihnen ihre Eltern aus finanziellen Gründen nicht bieten können“, sagt er.

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“

Musik fasziniert, fördert die Kreativität, beflügelt die Phantasie an, ist universelle Weltsprache. „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“, hat Friedrich Nietzsche einmal gesagt. Und ganz nebenbei kann Singen und Musizieren auch noch viel Spaß machen. Um Kinder zu fördern – und zu fordern. Und deshalb stehen die Kinder an diesem Abend auf der Bühne. Sie sollen zeigen, was sie können – an einem Ort der „Hochkultur“, zu der auch der HP8-Konzertsaal an der Isar gehört.

Entstanden ist die Idee in Wien. Dort haben die Wiener Sängerknaben, das Konzerthaus und die Caritas 2009 Superar gegründet, um benachteiligte Kinder und Jugendliche zu fördern. Inzwischen gibt es Superar-Projekte in sieben europäischen Ländern und an 25 Standorten ausgebreitet, mit München nun auch in Deutschland. Finanziert wird das Projekt  u.a. von der Erzdiazöse München-Freising (auf der Superar.bayern Seite kannst du unten die Förergeber sehen). Derzeit nehmen fünf Schulen mit 16 Klassen an dem Programm teil. Außerdem erhalten 20 Kinder professionellen Cello, Oud und Perkussions-Unterricht.

Ein Akt der kulturellen Aktivierung

Inzwischen ist es 17 Uhr geworden. Die Kinder, ihre Betreuer:innen und das Orchester haben den Konzertsaal verlassen. Dafür strömen die Konzertgäste in den Saal. Viele schauen sich neugierig um. Nicht wenige sehen den Konzertsaal zum ersten Mal von innen. Das sei ein weiteres Ziel von Superar, hat Mehmet Birinci in seinem Büro erklärt: „Indem die Familien mit Freunden zum Auftritt ihrer Kinder in den Konzertsaal kommen, eignen sie sich auch Orte an, die sie sonst vielleicht nie besuchen würden.“ Für ihn ist das Teil der kulturellen Aktivierung – und sehr demokratisch.  

Inzwischen haben auch die Eltern der achtjährigen Alina und ihres gleichaltrigen Mitschüler Vuk Platz genommen. Beide besuchen die Thelott-Grundschule in Hasenbergl, einem Stadtteil im Norden Münchens, der früher als Brennpunkt galt, es aber längst nicht mehr ist. Der zweistöckige Schulkomplex ist von Grün umgeben. Und dreistöckigen Wohnhäusern. Es ist 10 Uhr morgens, das neue Schuljahr hat vor drei Wochen begonnen.

In einem Klassenzimmer im Erdgeschoss gibt steht ein Konzertflügel. Irina Abrahamian erwartet dort die Schüler:innen der dritten Klasse, in die auch Alina und Vuk gehen. Die 39-Jährige ist ausgebildete Chorleiterin. Heute wird sie mit vier Klassen Lieder einüben, die sie dann im Münchner Konzertsaal singen werden. Sie stimmt „die Menschen sind alle verschieden“ an. Einige singen mit, andere haben den Text wieder vergessen. Also singt Irina Abrahamian jede Strophe einzeln. Beim zweiten Mal klingt es kraftvoller, aber immer noch nach viel Arbeit. „Aber das macht ja auch den Reiz aus, wenn die Kinder spüren, dass sie üben und besser werden können“, sagt sie.

„Ich freue mich sehr auf den Auftritt“

„Ich bin total begeistert, dass unsere Schule am Superar-Programm teilnehmen kann und Irina zu uns kommt“, sagt Klassenlehrer Benedikt Schneider. Das sei gut für ihn als Lehrer und vor allem für die Kinder. „Nach 45 Minuten sind die Kinder wie ausgewechselt, ausgeglichener und entspannter“, beobachtet der 27-Jährige. Auch Alina ist begeistert: „Das macht großen Spaß“, sagt die Achtjährige. Zuhause singe sie sonst nicht. Jetzt übt sie die Lieder zu Hause. „Ich freue mich sehr auf den Auftritt“, sagt sie und verschwindet in die Pause.

Diese Reaktion beobachtet Irina Abrahamian bei vielen ihrer Chorkinder. „In der Regel singen Kinder sehr gerne“, sagt sie. Singen hat aber noch einen weiteren Vorteil. „Singen ist sehr niedrigschwellig, jeder kann singen, weil wir alle eine Stimme haben“, sagt Mehmet Birinci. Ein Instrument zu lernen, dauert dagegen sehr viel länger. Das weiß auch Jost Hecker, professioneller Cellist und Cellolehrer. Er sitzt gerade im Familienzentrum Harthof, das neun Autominuten südlich von der Thelottschule liegt. Es ist 14 Uhr. Die ersten drei Celloschüler:innen biegen mit ihren klobigen Cellotaschen um die Ecke.

Das Cello verzeiht keinen Fehler

„Das Cello ist ein sehr schweres Instrument. Für die Kinder ist es ein Kraftakt“, sagt der Cellist. Das sieht man den Kindern an. Hochkonzentriert, aber auch angespannt sitzen sie im Halbkreis. Die Schwierigkeiten beginnen schon vor dem ersten Ton. Die Kinder müssen gerade sitzen, die Füße fest auf den Boden stemmen und das Instrument richtig halten. Und falsche Cellotöne strapazieren das Gehör. „Meine Schüler:innen haben vorher weder gesungen noch musiziert und trotzdem machen sie große Fortschritte“, schwärmt der 65-Jährige.

Insgesamt acht Celloplätze konnte die Rockefellerschule besetzen. Und weil es mehr Bewerbungen als Plätze gab, musste am Ende das Los entscheiden. Lisa gehört zu den Glücklichen, auch wenn Glück im Cellounterricht flüchtig ist. Doch ihre Mutter sieht die Freude, wenn sie ihre Tochter abholt. „Der Cellounterricht macht ihr riesigen Spaß und es ist toll, wie viel sie jedes Mal lernt. Superar ist ein so tolles Projekt“, sagt sie.

Mit ihrem Cello kann keiner der angehenden Münchner Cellist:innen auftreten. Das wir noch viele Monate dauern. Deshalb spielt an diesem Abend das Wiener Superar-Orchester. Jost Hecker spielt mit, Irina Abrahamian unterstützt ihre Chorkinder. Als der letzte Ton von Beethovens Ode an die Freude verklungen ist, erheben sich viele der Konzertgäste und applaudieren. Bei Chor und Musiker:innen weicht die Anspannung großem Glück. Viele winken ihren Eltern zu. Langsam leeren sich Bühne und Saal. Zurück bleibt ein Gefühl der Freude.